Der bulgarische Videokünstler Krassimir Terziev lud 2004 fünfzig Filmstatisten in ein aufgelassenes Filmstudio am Rande von Sofia ein. Er ließ sie einkleiden mit Kostümen aus dem reichen Fundus der einst lebhaften bulgarischen Filmgeschichte. Dann ließ er die Statisten in den Straßenkulissen und Höfen des Studios warten. Sechs Stunden warteten sie, ohne zu wissen auf welchen Drehbeginn und für welchen Film. Gefilmt wurden sie jedoch längst, aber ohne es zu ahnen. Zwei versteckte Kameras zeichneten auf, wie sie sich die Zeit vertrieben.
In dem damals entstandenen Video, das auf zwei großen Bildwänden in der Ausstellung "Kino wie noch nie" in der Akademie am Hanseatenweg läuft, sieht man sie unschlüssig herumstehen: Kreuzritter in Kettenhemden, russische Panzerfahrer in ihren wattierten Panzerfahrerjacken, ein Kapitän im weißen Dinnerjacket, Bausoldaten mit Helmen, Mönche in ihren Kutten, zierliche Edelfrauen und deren Mägde in zerschlissenen Kitteln sowie einige leicht bekleidete Harems-Insassinnen. Sie plaudern, scherzen, rauchen und langweilen sich. Ein Ritter hockt mit einem Büroangestellten auf einer Bank, ein Wehrmachtssoldat trinkt mit dem russischen Zaren. Sehr langsam vergeht die Zeit in diesem Niemandsland zwischen Realität und Fiktion.
So langsam wie in dieser seltsamen Videoinstallation vergeht die Zeit überall in der Ausstellung, die am morgigen Freitag eröffnet wird. Dass die Zeit sich dehnt, ist Sinn der Ausstellung; sie betreibt es mit Genuss, auch für den Besucher. "Kino wie noch nie" entreißt den Spielfilm seiner üblichen Bestimmung, Zeit und Raum vergessen zu lassen im Dunkel des Kinosaals. Bild für Bild rast der Film üblicherweise dem Ende entgegen, eines das andere übertrumpfend und dabei mit Vorliebe überaus bekannte Geschichten erzählend. Es ist schwer, sich an einen Film Einstellung für Einstellung zu erinnern, weil der konventionelle Film seine Mittel kaschiert, um eine Illusion zu erzeugen, die so komplex ist wie die Realität und sie verdoppelt. Die Ausstellung geht diesen Weg rückwärts und versetzt den Zuschauer in ein Laboratorium, wo er, gestützt auf Mittel der Bildenden Kunst, einen kleinen Anatomiekurs der Filmsprache absolvieren kann.
Der Filmemacher und -theoretiker Harun Farocki und die Filmwissenschaftlerin Antje Ehmann haben die Ausstellung kuratiert. Weil sie das Kino lieben, verzichten sie darauf, dessen Mythen zu feiern, und versuchen, sich der Sache von Grund auf zu nähern. Das beginnt mit einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Stoff des Kinos, mit den Filmstreifen aus Zelluloid.
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